Vom Persilschein und vom Meldebogen


Zum Tor in die Woche steigen wir mal in unsere Vergangenheit ein.

 


Der Eingang sieht wenig ramponiert aus, dafür wird es innen ganz interessant.


 
Durch diese Tür gehe ich nun schon einige Zeit mindestens ein- bis zweimal im Monat. Es ist der Eingang ins Staatsarchiv Ludwigsburg. 
Ich sehe mir hier verschiedene alte Akten an, die mit der Tätigkeit meines Vaters als Bürgermeister einer Stadt in
Württemberg zu tun haben. 





Dass die Personalakten meines Vaters und auch anderer Personen, die im Staatsdienst waren, das habe ich durch Zufall bei einer dortigen Besichtigung erfahren. 
Man kann hier viele ander alte Akten einsehen, die eine Sperrfrist von 30 Jahren haben. Das heisst, wenn die betreffende Person, die man sucht, 30 Jahre tot ist, kann man die betreffenden Akten einsehen und kopieren lassen. Das Kopieren ist aber nicht ganz billig, das kostet. 
Und solche Recherchen sind nicht ganz billig, das geht ins Geld, weil jedes Archiv z.B. in Karlsruhe usw. immerhin für bestimmt Recherchen Geld möchte.  Deshalb finde ich es gut, dass gerade im Staatsarchiv man Akten kostenlos einsehen kann.

Was auch interessant ist, sind alte Prozessakten, wenn man für einen ganz bestimmen Fall recherchiert.

Alles habe ich noch nicht zusammen und ich habe auch schon in verschiedenen andern Bundesländern recherchiert auch im Torgauer Militärgefängnis, in dem mein Vater während der Nazizeit inhaftiert war. 

Auf der Suche nach verschiedenen Dingen, die meinen Vater betreffen und auch Menschen,
die ihn diffamiert haben, bin ich auch die sogenannten 

Spruchkammerakten

gestoßen. Das sind die sogenannten Entnazifizierungakten und ich hätte nie gedacht, was hier so alles steht.



Ich habe die alten Akten eines Lehrers von mir eingesehen, der mit Rommel in Afrika war, davon auch immer erzählt hat.
Sehr interessant, was so einzelne Leute in der Nazizeit für Positionen hatten usw. 
 
Dadurch, dass ich viele Spruchkammerakten einsehe, bin ich etwas von der Recherche um meinen Vater abgekommen aber das macht ja nichts. Es ist eine reine Familienforschung und somit nicht so eilig. 

Was mich natürlich ganz besonders interessiert hat sind die Spruchkammerakten einer ganz bestimmten Person, über die ich noch schreiben möchte. 



Diese Person, die Angehörige eines europäischen Königshauses war, hat meine Mutter wiederholt genötigt, in die NS-Frauenschaft zu gehen und ihr auch Strafe angedroht. Meine Mutter konnte das immer und immer wieder abwiegeln. 

Aus der Zeit der Entnazifizierungsphase stammt auch der Name Persilschein. Die belasteten Personen konnten sich durch positive Aussagen anderer Personen sozusagen "reinwaschen". 

Wie hat man nun diese Personen erfasst, bzw. gefunden. Siehe Quelle Staatsarchiv Ludwigsburg

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Quelle
Staatsarchiv Ludwigsburg

Am 5. März 1946 wurde in den Ländern der US-Zone das "Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus" verabschiedet, welches die Entnazifizierung in die Hände der Deutschen legte. In der US-Zone wurden dazu regional zuständige Laiengerichte gebildet, die so genannten Spruchkammern, die jeden Fall individuell zu behandeln hatten. Jeder Deutsche, der am
4. März 1945 das 18. Lebensjahr vollendet hatte, musste dazu einen (vom Umfang her wesentlich reduzierten) Meldebogen ausfüllen, damit geprüft werden konnte, ob er unter das Gesetz fällt und in welchem Umfang er sich im nationalsozialistischen Sinne betätigt hatte. Danach wurde er in eine von fünf Kategorien eingestuft:

I. Hauptschuldiger,

II. Belasteter,

III. Minderbelasteter,

IV. Mitläufer,

V. Entlasteter.

Die Einstufung war - mit Ausnahme der Kategorie V - mit entsprechenden Sanktionen versehen, die von einfachen Geldstrafen bis hin zur Haft im Arbeitslager reichten. Die Spruchkammern waren auf Grund der Menge an Meldebögen ständig überlastet. Die Auswertung der 13 Millionen abgegeben Bögen blockierte monatelang die eigentliche Arbeit der Spruchkammern und für eine intensive Bearbeitung eines schweren Falles blieb kaum Zeit. Zudem wurden erst die leichteren Fälle bearbeitet, da dort die Beweislage eindeutiger schien und vor allen Dingen die Masse der von den Amerikanern entlassenen Mitläufer auf eine rasche Wiedereinstellung hoffte. So passierte es, dass die komplizierten, schweren Fälle erst später bearbeitet wurden und die Betroffenen aufgrund einer veränderten weltpolitischen Lage milder behandelt wurden. Diese Praxis erregte allgemein großen Unmut. In einer Umfrage im Jahre 1949 sprachen sich mehr als 70 % der Bevölkerung gegen Entnazifizierung aus.
Der beginnende Kalte Krieg ließ die Entnazifizierung lange vor ihrem Ende endgültig erstarren. Die Kammern stellten zum 31. Oktober 1953 ihre Tätigkeit ein, nachdem schon ab Ende Juli 1953 neue Verfahren gar nicht mehr eröffnet worden waren.
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Auch einzusehen hier

Ich habe auch gelesen, dass, wer keinen Meldebogen ausgefüllt hat, keine Lebensmittel bekommen hat, das hing mit der Lebensmittelkarte zusammen, die Jeder bekam.

Mich interessiert es sehr und ich habe auch schon mit vielen Journalisten gesprochen, die hier
recherchieren.

Im Lesesaal muß es still sein, aber man kann draußen im Foyer, einen Kaffee trinken und etwas essen und so kommt man mit einigen Leuten ins Gespräch, es ist sowas von interessant. 

Ich bin noch lange nicht fertig und arbeite mich 
systematisch vor. 


Sicherlich hat jedes Bundesland so ein Staatsarchiv in dem solche Spruchkammerakten eingesehen werden dürfen.
Hier geht es nur um Baden-Württemberg.

















Kommentare

  1. Ich bin überzeugt wenn man recherchiert wird man so einige Namen lesen bzw. Personen finden von denen man sowas nie gedacht hätte. Interessanter Post und schönes T welches doch gar nicht so schlimm aussieht. Klar, gibt ein paar Stellen die relativ schnell ausgebessert wären, aber wenn man hier lebt dann kennt man doch ganz andere Gebäude und weiß wie schnell sowas auch gehen kann. So werde ich in diesem Jahr auch wieder das Haus ausbessern und streichen müssen.

    Danke dass du wieder mit dabei bist. Wünsche dir noch weiterhin viel Erfolg und noch einen schönen Sonntag

    Herzliche Grüsse

    N☼va

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  2. Das klingt nach einer wirklich spannenden Recherche und ich finde es faszinierend, wie viel Neues ich durch deine Beitrag schon gelernt habe. Dabei wird mir bewusst, wie wenig ich über die Abläufe in den Monaten nach dem Krieg weiß - da sollte ich mal ein paar Wissenslücken schließen.

    Außerdem frage ich mich nun, ob und wo ich wohl Informationen über meine Großeltern finden könnte. Beide Großväter waren durch ihre Berufe (Bäcker und Kartograph) nicht als Soldaten aktiv, aber mehr weiß ich nicht, da beide vor meiner Geburt gestorben sind und meine Eltern wenig erzählen können, weil sie noch zu klein waren. Von meinem Vater erfahre ich nur Geschichten darüber, dass das zerstörte Berlin in der Nachkriegszeit für ihn als kleiner Junge ein riesiger Abenteuerspielplatz war.

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    1. Hallo Winterkatze,
      es gibt soviele was wir nicht wissen, ich arbeite mich vor. Auch über verschiedene Generäle usw. habe ich jetzt Literatur besorgt usw. Da ist es halt, was mich interessiert und was ich lese.

      Information über deine Großeltern?

      Das kommt drauf an, hier mußt du suchen, ich weiß nicht, wo sie herkommen, aber du kannst dort einmal auch in einem Archiv (wie das nun heißt, weiss ich nicht) vieles finden.

      Ganz bestimmte Akten findet man hier auch im "Haus der Geschichte" und im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart. Das ist
      noch interessanter, da gibt es z.B. auch Akten über eine Widerstandskämpferin, die man so gar nicht kennt und über die ich noch berichten werde.

      Auch Akten über den Prozess an Jud Süss Oppenheimer kannst du dort einsehen. Ein ganz interessanter Prozess.

      Ein ganz böses Stück württemberger Geschichte

      https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_S%C3%BC%C3%9F_Oppenheimer

      Mein Vater hat mich hier schon ziemlich eingewiesen und deshalb hatte ich in Geschichte im Gymnasium auch eine eins.
      Jeden interessiert eben etwas anderes.

      Lieben Gruß Eva
      die leider keine Geschichte studiert hat.

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    2. Bei mir gibt es durch mehrere Schulwechsel und unterschiedliche Lehrpläne in den verschiedenen Schulen ein paar Lücken im Geschichtswissen. Einige davon habe ich im Laufe der Jahre gefüllt, andere werden mir erst bewusst, wenn ich über Informationen stolpere, mit denen ich mich vorher nicht beschäftigt habe. Dummerweise finde ich so vieles interessant, dass ich dazu neige von einem Thema zum anderen zu springen. Und damit die ganzen Details nicht durcheinander purzeln, brauche ich zwischen den verschiedenen Sachbüchern und sonstigen Informationen immer etwas Abstand. :)

      Mal schauen, ob ich nach dem Umzug herausfinde, an welche Stellen ich mich wenden muss. Ich vermute mal, dass sowohl Berlin, als auch Niedersachsen Archive haben, die mir weiterhelfen könnten.

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  3. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Tut mir leid Moni, ich habe versehentlich deinen Kommentar gelöscht,
      Konnte ihn noch retten.

      Nochmals entschuldigung und hier ist er:

      moni hat einen neuen Kommentar zu deinem Post "Vom Persilschein und vom Meldebogen" hinterlassen:

      Liebe Eva,
      das sind ja wirklich spannende Recherchen, die einen ganz besonderen Blick in die Vergangenheit gestatten.
      Ein ganz besonderes Tor, ein Zugang zur Historie.
      Hab einen angenehmen Sonntag,
      herzlichst
      moni

      http://www.reflexionblog.de


      LG Eva

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  4. Liebe Eva-Maria,

    ich wusste gar nicht, dass es das in Ludwigsburg gibt und es so offen für Recherchen ist. Das war ein spannender Einblick in meine alte Heimatstadt. Vielen Dank dafür!

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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    1. Doch, du kannst die Akten einsehen vorher natürlich bestellen, damit sie auch herausgesucht werden können.
      Diese Stelle ist zuständig für ganz Baden-Württemberg und ich kann dir sagen, da hats einiges dabei. Allerdings,
      wie ich schon geschrieben habe, die Person muß 30 Jahre tot sein.

      Ich hatte auch einen Lehrer, der bei der Organisation Todt war, das wußte ich bislang nicht und er ging als Hauptschuldiger aus dem ganzen heraus und mußte ins Arbeitslager.

      Und als Hauptschuldiger herauszugehen, das ist schon ganz schön heftig.

      In Ludwigsburg gibt es auch die Stelle

      Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen

      auch hier war ich schon und auch hier gibt es ganz interessantes.

      Aber ich kann das alles nur ein- bis zweimal im Monat machen, mir reicht die Zeit leider nicht.

      Du bist ja aus Stuttgart, das wäre es für dich doch auch mal interessant, ins Haus der Geschichte zu gehen. Total spannend und interessant.

      Mit lieben Grüßen
      Eva

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