Der Hofnarr des Zaren

Wir haben heute den 7. Mai, folglich morgen den 8. Mai. Meines Erachtens ein wichtiges Datum.
Umfragen haben ergeben, dass 80 % der Befragten es nicht wußten. Vielleicht liegt das auch am Alter, ich weiß es nicht!
Mir wurde erklärt, dass das heute keinen Menschen mehr interessiert?!
  
Am 7. Mai 1945 wurde die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Reims unterzeichnet. Sie trat am 
8. Mai um 23.01 Uhr in Kraft. Die Kapitulationserklärung wurde aus Gründen des Protokolls in Berlin-Karlshorst im Hauptquartier der sowjetischen 5. Armee am 8./9 Mai 1945 wiederholt.

https://www.lpb-bw.de/kriegsende.html 




Warum schreibe ich das heute, weil ich daran erinnern will. Ich meine, dass man bestimmt Daten schon wissen sollte, auch, dass am 1. September 1939 
der 2. Weltkrieg mit dem Angriff auf Polen (Westerplatte) begann. Als wir in Gdansk waren haben wir die Westerplatte besucht.

Manche wissen tatsächlich auch nicht einmal, was das ist und meinen, dass das mit dem Wilden Westen zu tun hat. Vielleicht schraube ich meine Erwartungen auch zu hoch. 

Genauso gedachten viele Menschen in Israel am 5. Mai 2016 der Shoa.



Ich  möchte mich heute zu Andrea an den Tisch setzen und schneide diesen 7./8. Mai auch nur kurz an, um über den Film "Der Kampf um Berlin" zu dem Dmitir Dmitrijewitsch Schostakowitsch die Musik geschrieben hat, zu berichten.
Er komponierte immerhin 36 Filmmusiken. Nicht einmal der Nestor Aaron Copland bringt es auf soviele. Aaron Copland? Sicherlich kennt Ihr die Fanfare for the Common Man oder aber die Grand Canyon Suite.

Darum geht es heute aber nicht, sondern darum, wie Schostakowitsch sagte: Um den Hofnarren des Zaren, in seinem Fall Stalin. Jurodiwy, das war der Hofnarr der Zarenzeit.

Filme waren eine wichtige Einnahmequelle für Schostakowitsch zu Zeiten, als er ein öffentlich "Geächteter" war.  Auf die Filmmusiken die Schostakowitsch noch geschrieben hat, werde ich irgendwann mal eingehen.
Mir geht es heute um diesen Film, der unter der Regie von Michail Tschiaureli (er schuf pompöse Filme für Stalin) 1949 gedreht wurde.

Für Schostakowitsch eine "Arbeit zum Überleben" um nicht im GULAG zu enden und auf keinen Fall für ihn aus künstlerischer Neugier.  Der "Fall von Berlin" ist ein Passepartout eines pompösen Schlachtengemädes, eines jener kräftig geschönen Heldenporträts, sowjetischer Personenkult und der Held heisst: 

Josif Wissarionowitsch Stalin.

Überlebensgroß wird er dargestellt (von dem auf diese Rolle abonnierten Michail Gelowani) als genialer Schlachtenlenker.

Im Film geht es um zwei Liebende, dem Soldaten Alexey und um die von den Deutschen verschleppten Lehrerin Natascha. Wie kann es anders sein, endet der Film mit einer Ansprache Stalins.

"So wollen wir den Frieden der Welt hüten, das Glück für euch alle, meine Freunde!"

So sprach der Große, der vermeintlich bessere Führer und Lehrer.

Es wäre für Schostakowitsch nicht gut gewesen, das Angebot von Stalin abzulehnen und nannte sich deshalb auch den "Jurodiwy Stalins".

Aber es ist ein wundervolles Musikwerk geworden, das Schostakowitsch hier schrieb. und nbeginnt das "Vorspiel", das noch eine gregorianische Volksweise zitiert.

Ihm folgt eine äußerst stimmungsvolle "Szene am Fluß", in der anschließenden "Attake" kann man die "heroische" 
10. Sinfonie erkennen.  Darauf folgt "Im Garten" ein poetisches Intermezzo, bevor es bei 
"Die Erstürmung der Seelower Höhen" zur Sache geht. Ich habe gelesen, dass das Schostakowitschs "Knochenarbeit" war.
"Im zerstörten Dorf" die Kehrseite der heroischen Medaille. Zerstörung und Verzweiflung.
"In der U-Bahn" ist ein wenig konventionell und gleicht einer Verfolgungsmusik.

Das "Finale" hier hört man wieder das "Vorspiel" und es steigert sich zum simplen Volkslied, wie auch Tschaikowski in seiner "1812" den Choral zum Siegeshymnus erkoren hat.

Stalin in excelsis!
Man kann die Bitterkeit ahnen, der Schostakowitsch im Alter gerade bei dieser Filmmusik gedachte.

Mir war es heute schon wichtig zum Tag und zu dieser Musik etwas zu schreiben. Die CD zu "Der Fall von Berlin"  besitze ich schon Jahre und immer wieder höre ich  sie mir an.
Die Musik von Schostakowitsch zu hören, ist nicht einfach. Man versteht aber vieles, wenn man sich mit der Geschichte dieses Komponisten auseinandersetzt.

Der Film ist grauenvoll und die Dialoge sind platt, es lohnt sich nicht ihn anzusehen, jedoch die Musik verdient es sehr wohl, sie anzuhören.




Schließen möchte ich heute mit einem Zitat von Herbert Achternbusch (er ist ein deutscher Schriftstellter und Filmproduzent, geb. 1938).

Ich wundere mich über nichts mehr und was ich da neulich auf einem Blog über "Hirn" gelesen habe, das hat mich an das Sprichwort von Herbert Achternbusch erinnern lassen.
 
Die Frage "Haben Sie ein Hirn?" kann einwandfrei nur der Metzger beantworten.

Ich wünsche einen schönen Samstag und hoffe, dass wir unser Wildkräuterfrühstück machen können. Ebenso hoffe ich, dass der Post zumindest für ein paar Leser interessant ist. Wenn nicht, dann ist es halt so, mir war es einfach und gerade in der heutigen Zeit, wichtig darauf hinzuweisen.

Die Bilder, die ihr in diesem Post sehen könnt,  sind vom Besuch der Westerplatte bei Gdansk vom Juni 2014. 
  





Kommentare

  1. Guten Morgen Eva,
    die Musik ist jetzt nicht so meines, aber das weißt du ja. Gut, dass du daran erinnerst.
    Dein Post von Waiblingen ist auch so schön geworden. Man sieht, wie sehr du deine
    kleine Familie magst. Und, ich kann es nicht glauben, wie fit und gut du aussiehst,
    aber das weist du ja. Deine Ausstrahlung ist einfach wundervoll. Ich freue mich auf
    den Tag heute. Bis später.

    LG Bido

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  2. Ich habe so das Gefühl, heute scheint ein nachdenklicher Tag zu werden.
    Mich wundert es nicht, das die meisten keine Ahnung von Daten haben. Wenn du mal in die Runde fragst, wann Jesus geboren ist, bekommst du die erstaunlichsten Antworten.
    Gräm dich nicht... wir werden sie nicht ändern oder besser machen. Erinnern dürfen wir sie schon!
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Andrea

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  3. Ja ich stelle auch immer wieder mit Erschrecken fest, dass die jungen Leute mit diesem Datum nichts anfangen können. Aber sie können auch nicht wirklich etwas mit einem Datum in jüngerer Vregagngenheitheit anfangen, wie beispielsweise 08.11.1989 oder 03.10.1990.
    Naja, so ist das eben. Aber davon lassen wir uns das bevorstehende schöne Wochenende nicht trüben.

    Schöne Tage für dich.
    Marion

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  4. Dass man Daten vergisst, finde ich nicht so schlimm. Dass man all das Grauen vergisst und den Weltfrieden aufs Spiel setzt, das finde ich schlimm. Und das sind nicht die Jungen, das sind die Politiker, die Machthaber und ihre Gespielen. Der 8. Mai ist auch der Hochzeitstag meiner Eltern, deshalb weiss ich, dass es auch das Ende des Kriegs war. So geht beides nicht vergessen. lg Regula

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  5. Diese Schostakowitsch-Musik kenne ich noch nicht. Wenn man sich auf seine Musik einlassen kann, kann sie einem viel sagen, einen sehr aufwühlen... Bei solcher Musik sehe ich am liebsten ins Orchester, das hilft mir zu verstehen. Auf den Seelower Höhen war ich, da gibt es ganz in der Nähe eine wunderbare Frauenbildungsstätte, den Franzenhof, dort war ich einige Male. Das Erinnern darf nicht aufhören. Auch, wenn es anscheinend so viele nicht mehr hören wollen. Und auch wenn ich zugeben muss, dass bei mir im Moment die Tage so ineinanderfließen, dass mir gar nicht bewusst war, dass heute der 8. Mai ist. Liebe Grüße und ein feines Kräuterfrühstück! Ghislana

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  6. Ich finde es sehr wichtig, dass bestimmte Ereignisse nicht aus unserer Erinnerung verschwinden...gerade hinsichtlich der aktuellen politischen Lage...so blicke ich auf Erdogan und nehme mit Beklemmung zur Kenntnis, dass er mich zunehmend an jemanden in der Geschichte erinnert...Schostakowitsch kommt ja durchaus vielseitig daher...es gibt anmutige und weniger anmutige Stücke...;-). Ein schönes Wochenende. LG Lotta.

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  7. Die Achternbusch - Aussage ist ja klasse!
    Aber pass auf, dass du keinen Ärger mit Herrn Meuthen in BW kriegst, weil du hier wieder indoktrinierst! Der Arme ist doch schon von uns NRW - Lehrern mit diesen Themen traktiert worden, der braucht das nicht mehr, der möchte einfach mal vorwärtsgewandt sein, und nicht immer mit der alten Sch.... konfrontiert werden ;-)
    Meine persönliche Shostakovich - Entdeckung sind die "24 Preludes an Fugues op. 87", gespielt von Keith Jarrett, die mir mein Bruder unter seinen zehntausend CDs hinterlassen hat.
    Einen schönen Tag!
    Astrid

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  8. Beide Daten, liebe Eva, sowohl 1945 als auch 1939, sagen mir viel, besonders das letztere. In unserer Familie wurde oft darüber gesprochen.
    Mein Vater, als Deutscher bei Bromberg in Westpreußen geboren, hat sich damals zwei Wochen in Gräben liegend versteckt,
    weil die Polen sich beim Einmarsch der Nazis natürlich wehrten und deutsche Männer, mit denen sie bis dahin ganz friedlich zusammen lebten, umbrachten. Ein Bruder meiner Mutter wurde von Polen ermordet, ihr Cousin überlebte in einem Massengrab und wurde erst nach Tagen dort rausgeholt.
    Als ich in Schleswig-Holstein zur Schule ging, wurde über Geschichte gesprochen und diskutiert. Als ich in NRW auf der Realschule war, wurde nur auswendig Gelerntes abgefragt, ein Horror für mich, der mich noch jahrelang in meinen Träumen verfolgte. Es kommt immer drauf an, wie Lehrstoff vermittelt wird.
    Die Musik ist zu Ende, ein Zeichen für mich. Ja, es gibt so manche Filmmusiken, die den Film 'überlebten'.
    Einen sonnigen Muttertag mit Ole und seinen Eltern wünsche ich Dir.
    Liebe Grüße

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  9. Ich würde mich auch wehren, wenn Jemand in meine Wohnung eimarschieren würde. Mein Vater wäre fast von Deutschen erschossen worden.

    Lieben Gruß Eva

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  10. very interesting piece :)

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Ein liebes Dankeschön für deinen Kommentar, das freut mich sehr.
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Sobald ich das kann, werde ich es tun und ich komme mit Sicherheit auch bei dir vorbei.

Allerdings behalte ich mir auch vor, Kommentare nicht zu veröffentlichen.
Lieben Gruß Eva








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