Köpenick in Bietigheim

Nein, nicht ganz, aber fast. Die Aufnahme von mir und 
Herrn Voigt, dem Hauptmann von Köpenick, entstand vor ein paar Jahren am Rathaus in Köpenick, in dem Herr Voigt zugange war. 







Köpenick, früher ein Vorort, heute ein Stadtteil von Berlin, ist bekannt durch die tragisch-komische Geschichte 
"Der Hauptmann von Köpenick" und auch dem Buch von 
Carl Zuckmayer. Aber was hat das Köpenick mit Bietigheim (gleich bei mir um die Ecke) zu tun? Die Geschichte des Köpenick in Bietigheim hängt mit der Gründung der Linoleumfabrik zusammen und geht auf frühere Fabrikgründungen, speziell für die der 

"Erste Deutsche Patent-Linoleum-Fabrik, geg. 1882 in Cöpenick"
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Der Stuttgarter Teppichhändler D. Hellner, Der Bietigheimer Teppich- und Linoleumhändler E. Grimm und der Kleiningersheimer Landtagsabgeordnete C. Schmid machten sich für den Bau einer Linoleumfabrik in Bietigheim stark. Im Jahr 1899 wurden die Grundstückskäufe abgeschlossen und die neue Gesellschaft wurde unter dem Namen


"Linoleumwerke Nairn AG Bietigheim" in das Handelsregister eingetragen. Die Gründer und ersten Gesellschafter waren Michael B. Nairn, David und Richar Hellner, William Black und Oskar Elsas. 


In der Siedlung Köpenick in Bietigheim erinnern heute noch einige Straßennahmen an die Gründervater


Der Bau der Linoleumfabrik in Bietigheim begann 1899. Schon im Jahr 1900 wurde das Unternehmen umbenannt und hieß fortan - bis 1926 - Germania Linoleum-Werke AG. 1905 konnte man mit der Produktion von Linoleum beginnen, erkannte aber bald, dass für den Betrieb der neuartigen Anlagen und Techniken mehr und vor allem geschultes Personal benötigt wurde.

Nachdem die Linoleumfabrik Cöpenick 1902 aufgelöst wurde, gab es dort gut ausgebildetes Fachpersonal, das seitdem arbeitslos war.  Mit der Verlockung in Bietigheim preisgünstige Wohnungen zu finden, kamen die Linoleumarbeiter mit ihren Familien nach Bietigheim
1906 begann der Bau der 
"Arbeiterkolonie Germania-Linoleum WerkeAG" am Bahndamm zwischen Stuttgarter Straße und Enzviadukt . Die Häuser der Ring- und Nairnstraße wurden alsbald von den Arbeiterfamilien aus Cöpenick bezogen. Ob nun die Neu-Bietigheimer aus nostalgischen Gründen ihre neue Heimstatt Köpenick nannten, oder ob Einheimische 
"die vom Köpenick" sagten, wenn sie die "Rei´gschmeckte" meinten, das lässt sich nicht mehr genau sagen. Jedenfalls gibt es seither ein Köpenick auch in Bietigheim.


Im "Köpenick" und im angrenzenden Gebiet "Aurain" wurden weitere Werkswohnungen gebaut,. 1925/26 in der Austraße, der Hans-Stangenberger- und in der Olgastraße. 

1983 hatten die neuen Herren der DLW (die Firma wurde gewechselt) andere Pläne. Sie wollten die Siedlung abreißen und Wohnblocks bauen. Zwei hässliche Bauten in Plattenbauweise waren schon errichtet, doch sie wurden später wieder abgerissen. Große Schlagzeilen hat die Köpenick-Siedlung vor ca. 30 Jahren gemacht. Die Häuser Ringstraße 8 und 10 wurden von Jugendlichen besetzt. Die DLW AG hat die Häuser nicht saniert, sondern hat sie bewußt herunterkommen lassen. Die von Jugendlichen getragene Aktion war ein Protest gegen die 
"Vernichtung von Wohnraum".  
Dennoch am 23. Juni 1983 ließ die DLW die beiden Gebäude widerrechtlich abreißen. Das Verhältnis zwischen Stadt und DLW war getrübt. 

Da geschah etwas, was in der Stadt noch nie passiert war: 
Der damalige Regierungspräsident Dr. Manfred Bulling (das ist der, der die Bullingsche Spätzlesmaschine erfunden hat, ein cleverer Schwabe) verfügte, dass die beiden ohne Genehmigung abgebrochenen Gebäude in der 
Köpenick-Siedlung wieder originalgetreu aufgebaut werden müssen. Die Geschäftsleitung der DLW legte gegen den Entscheid erfolglos Widerspruch ein.

Die Häuser wurden im alten Stil neu aufgebaut. Die Bietigheimer Köpenick-Siedlung ist dennoch nicht mehr im Originalzustand, weil schon früher Doppelhäuser auf der Südseite abgerissen wurden. 

Ich setze hier einen Link in dem Herr Roland Hellmann, ein früherer DLW Mitarbeiter, der sich heute um das noch verbliebene Archiv der heutigen Armstrong-DLW kümmert, berichtet. 


Die Köpenick-Siedlung ist wie Teile der Sandsiedlung (über sie werde ich noch berichten) aus den 1930er Jahren eine städtebauliche Besonderheit in Bietigheim-Bissingen.

Ich bedanke mich ganz herzlich für die Informationen, die mir das Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen zukommen hat lassen. Ohne dieses Informationen, die mir bereitwillig und kostenlos gegeben wurde, hätte ich das niemals geschafft. 
Es ist wirklich eine wunderschöne Siedlung im Viereck gebaut in der Mitte befinden sich wunderschöne Gärten. Ein früherer Kollege hat sich dort ein Häuslein gekauft das noch zu den ursprünglichen Häusern gehört. 
Die Bilder wurden von mir gemacht. 

Die alten Bilder der Siedlung, die jetzt noch kommen, wurden mir ebenfalls aus dem Stadtarchiv der Stadt 
Bietigheim-Bissingen zur Verfügung gestellt. Ich freue mich, diese Köpenick-Siedlung in meinem Blog veröffentlichen zu dürfen, wenige Leute, wissen, was es mit dieser Siedlung auf sich hat. Selbst eine junge Frau, deren Eltern schon Jahre in dieser Siedlung wohnte, fragte mich, als ich die Häuser fotografierte, "was machen sie da?". Ich erklärte ihr, dass ich fotografiere und einen Bericht über diese Siedlung Köpenick schreibe. Sie kannte das tatsächlich nicht, weder die Geschichte um die Siedlung noch den Namen Köpenick. 
Geschweige die Geschichte des Hauptmanns.  Naja, die Geschichte ist ja auch schon ne Weile her. ;-))

 Köpenick (vorne links) zur Gründerzeit mit den Germania-Linoleum-Werken



Bild mit Bewohnern um 1915

Der Post geht an Sigrun und die "Lost Places"
"Lost Places" ab 20.03" und er geht auch an das Guckloch von Susi. Ich bin schon wieder an einem Projekt dran und freue mich auch hier das vorstellen zu dürfen. 



 Feldpostkarte aus dem 1. Weltkrieg.



Das "Köpenick" 1906 gebaute Arbeitersiedlung



ca. 1928 vom Enztalviadukt aus das "Köpenick"

Die Köpenick-Siedlung in Bietigheim-Bissingen
steht nicht nur unter Erhaltungssatzung sondern auch unter Denkmalschutz.  


Ich mag diese mittelalterlich geprägte Stadt von ganzem Herzen, die noch viel mehr zu bieten hat.


Kommentare

  1. Liebe Eva,
    das sind wirklich sehr schöne Fotos und was gelernt habe ich auch :)
    Ich war schon so oft in Bietigheim aber das wusste ich gar nicht.
    Vielen Dank für die kleine Geschichtsstunde.
    Ganz liebe Grüße
    Silke

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    1. Ja, das ist leider nicht so bekannt, aber die alten Bietigheim-Bissinger wissen das.
      Man muß hier aufpassen, es heißt Bietigheim-Bissingen. Da werden die Bissinger ganz böse, wenn man
      das so nicht sagt oder schreibt. :-))
      Na, wenn du wieder mal nach Bietigheim-Bissingen kommst, lass eine Nachricht da und wir gehen ins
      Kaffee Stöckle da sitzt man sooooo schön. Oder am Kuriosum im Eiskaffee da kann man "Leute gucken".
      Säääääähhhrr interessant.

      Lieben Gruß Eva

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  2. Was für eine Geschichte!
    Ich mag die Häuser.
    Liebe Grüße
    Jutta

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  3. Ein spannender Bericht über eine schöne alte Siedlung. Und Du und der Hauptmann - auch nicht schlecht.
    Lieben Gruß
    Katala

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  4. Ja Katala, der Hauptmann hat eine Ähnlichkeit mit meinem Liebsten.
    Er hat auch so einen tollen Schnurrbart. Deshalb habe ich mich auch an den Hauptmann so rangehängt.
    :-)))))))))))))))))

    LG Eva

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  5. Hallo Eva,
    ich bin begeistert, hier hast du uns ein schönes Fleckchen "Heimat" vorgestellt, hast viel recherchiert und altes Bildmaterial herausgesucht und entstanden ist nicht nur ein wunderbarer Beitrag, sondern auch lebendiger Geschichtsunterricht! Am Besten hat mir die Passage von dem Herrn Bürgermeister gefallen, der diese mutige Entscheidung getroffen hat, es wäre doch wirklich schade, wenn an heutiger Stelle dort ein Plattenbau stehen würde! Ja, ich kann mir gut vorstellen, das heutzutage nur noch wenige Menschen den "Hauptmann von Köpenick" kennen, was aber nun mal nicht zu ändern ist.
    Sehr beeindruckt bin ich von dem Enztalviadukt, wow!
    Ich freue mich nun schon auf dein geplantes, nächstes Projekt!
    LG Heidi

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    1. Hier du Süße,
      ja, das neue Projekt wird noch spannender vor allem weil es kurz vor dem Abriss steht.
      Lass dich überraschen.

      Es gibt soviele Pojekte und Viadukte haben wir hier auch jede Menge.

      Lieben Gruß Eva

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    2. es war wirklich sehr viel Arbeit, aber sie hat mir Spass gemacht, im Moment bin ich auf
      der Suche nach Akten, war auch im Staatsarchiv und habe das Todesurteil meines Vaters und noch viel mehr gefunden, er war politischer Gefangener im Gefängnis von Torgau Fort Zinna. Er hat nie darüber geredet, nun bin ich mir nicht sicher, ob ich alte Wunden aufreißen soll. Aber das ist ja alles nur für mich und je mehr ich grabe umso mehr geht mir das alles nahe, was dieser Mann durchmachen mußte.
      LG Eva

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  6. Seehr schöne Fotos und interessante Recherchen.
    Ich wünsche dir noch eine schöne Woche
    LG susa

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  7. Danke, liebe Eva für deinen sehr interessanten Bericht....ein Glück, dass die Köpenick-Siedlung wieder aufgebaut wurde. Diese Häuser ähneln ein bisschen meinem Elternhaus in Leipzig, dass aus den 30igern stammt. Es hatte genau so schöne grüne Fensterläden...ich habe meine Eltern nie verstanden, dass sie die Läden entfernt haben. Mir fehlen sie...:-) Du warst sogar im Stadtarchiv...das Freiberger werde ich demnächst auch mal aufsuchen...:-)
    LG Sigrun

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  8. besonders begeistert hat mich an deinem bericht, dass die beiden abgerissenen häuser wieder originalgetreu aufgebaut werden mussten! dazu sollte man alle verdonnern, die sich dreist über alles hinwegsetzen.
    eine sehr schöne siedlung, in der man bestimmt heute sehr gut wohnen kann! toll, dass sie unter denkmalschutz steht!
    lg, mano

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  9. ein sehr schöner Bericht..
    ja.. diese alten Häuser haben noch ein "Gesicht"
    nicht so 08/15 wie die meisten heute

    liebe Grüße
    Rosi

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  10. Ja, du hast recht...sieht wirklich recht ähnlich aus...sehr, sehr hübsch! Liebe Grüße, Lotta.

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  11. wie schön dass du den Bwericht noch einmal hervorgehoben hast

    bin gerne noch einmal durchgeschlendert ;)
    liebe Grüße
    Rosi

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  12. Das habe ich noch nicht gewusst. Toll, dass es mein schönes Köpenick auch woanders gibt.
    Liebe Grüße!

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