Wiederaufnahme von Carmen (Premiere am 21.02.2016) im Opernhaus Stuttgart

Carmen ja, genau das habe ich mir auch vorgestellt. Schmuggler, eine feurige Zigeunerin, ein wunderschöner Escamillo und ein degradierter Don José, der aus Liebe zur Zigeunerin Carmen, zum Mörder wird.






Ich hatte mich ja schon auf ein modernes Bühnenbild eingestellt und noch auf so manches andere, weil ja diese Oper schon vor neun Jahren unter der Regie von 
Sebastian Nübling (er lässt mit gutem Grund inzwischen die Hände von der Oper und ist derzeit Regisseur am Gorki-Theater in Berlin) als Erstlingswerk uraufgeführt wurde.



Bizet nahm als Vorlage für Carmen eine Novelle von 
Prosper Mérimée

"Jede Frau ist bitter wie Galle; aber sie hat zwei gute Augenblicke, den einen im Bett, den anderen bei ihrem Tod."
Prosper Mérimée nach Palladas

Ähem!!!

Jossi Wieler hat die Inszenierung von Sebastian Nübling nun wieder aus der Versenkung geholt und räumte auf. Zusammen mit dem erfahrenen Carmen-Dirigenten dem Franzosen Marc Soustrot gelang eine zumindest musikalisch hervorragende Wiederaufnahme.

Die 1. Reihe im Opernhaus ist etwas ganz Besonderes. Man sieht alles auf der Bühne und, falls es zu langweilig wird, kann man sich im Orchestergraben vergnügen. ;-)



Es wurde aufgeräumt und wie! Dieses Aufräumen ist aber meines Erachtens nicht gelungen. Die von Magdalena Fuchsberger betreute Neueinstudierung gelang einfach nicht, fand ich.

Der  Vorhang geht auf, Carmen ist schon tot und liegt am Boden (die Geschichte ist rückblickend und geht im Kopfkino von Don José vor sich), im Genick von Don José sitzt der Clown "Surplus" der von Nübling hinzu erfunden wurde. Surplus soll die bösen Eigenschaften von Don José zeigen.
"Surplus" ist allgegenwärtig und immer da!

Surplus wird hervorragend gespielt von Luis Hergón.

Don José sitzt nun in seinem desolaten Sessel und glotzt in die Glotze. Carmen liegt tot am Boden und aus der Glotze schaut ein reptilartiges schwarze Auge.  Er trägt ein Unterhemd Marke Schiesser Feinripp und eine Hose, wobei ein recht ansehnlicher Bauch zu sehen ist.

Es tummelt sich ein Männerchor ebenfalls in Schiesser Feinripp mit Bauchansätzen und Micaela (Mandy Friedrich)  zieht einen ganzen Pulk von geklonten Aufseherinnen hinter sich her.



Wo ist die Zigarettenfabrik, wo sind die Zigeunermädchen? Ach ja, das sind ja die geklonten Aufseherinnen. Plötzlich steht Carmen auf 


und im silbernen Abendkleid gertenschlank fängt sie 
(Anaik Morel) mit einem kräftigen Mezzosopran an zu singen und schlägt mit einem Rosenstreich - überhaupt wälzt man sich an diesem Abend in Rosenblättern -  die Damen in die Flucht.
Alles gut! Es folgt eine lustvolle Fesselung im Sessel.
Don José (Erin Caves) stöhnt, ich auch, er im Sessel nun in der Vorstadtkneipe und ich im Sessel auf der gegenüberliegenden Seite, mein Nachbar sieht mich ebenfalls von der Seite an. Ich habe ja nix gegen Sex, auch nicht auf der Bühne, bin da ja nicht so, das war aber nur doof.

Nun gehts dann zur Sache und man rammelt sich singend und lampenschwingend (die gehen nicht nur  mir auf die Nerven) bis zur Pause durch.  





Die Herren tragen Clownsmasken, rote Nasen und um den Bauch haben sie ebenfalls rote Nasen, die sie dann zum rammeln benützen.
Ich bin ja nicht so, aber mich hat es schon überstrapaziert.
Ein großes Lob an den Maskenbildner. 

Naja und Gezim Myshketa als feuriger Escamillo war immer wieder mal ein Lichtblick. Der sang seine Arie im wunderschönen Smoking, den er nicht auszog. Er blieb standhaft und rammelte nicht. Halt! Er zog nur seine Smokingjacke aus.

Zum Schluß dann singen Silberkleid Carmen und  Feinripp Schiesser den Abschlußsong, wobei Carmen einfach umfällt. Sie wird nicht umgebracht, die fällt einfach um. Warum?

Man kann die Sänger und auch Schauspieler wirklich nur beglückwünschen, dass sie das alles mitgemacht haben und sie waren zum Schluß auch alle nicht mehr taufrisch. Ich auch nicht, das war doch recht anstrengend.

Ich habe noch nie etwas derartig komisches gesehen und habe mich gefragt, wie man es schafft, ein Stück so zu verhunzen.

Die Handlung passte überhaupt nicht zur Musik. Stimmlich hervorragend ein großes Lob an die Sänger. Ein großes Lob auch an das Staatsorchester unter der Leitung von 
Mark Soustrot, das nur am Anfang etwas müde erschien.

In einem Zwischenakt wird Ballettmusik gespielt und hier wird auch oft getanzt. Vielleicht konnte man die Tänzer nicht bezahlen, denn während der ganzen Zeit hockte Don José mit Micaela im Sessel und glotzte an die Wand. Da muß man erst mal drauf kommen.   

Fazit:
Ich habs gesehen und kann mitreden. Aber hätte ich nicht in der 1. Reihe gesessen und immer wieder auf die Musiker schauen können, ich glaube ich wäre eingeschlafen und nur beim Klang des Beckens, das von einer ganz zauberhaften Frau gespielt wurde, aufgewacht. Aber, man sollte die Oper gesehen haben!!!

Nun bin ich gespannt, auf die nächste Aufführung ein Ballett, das - es hat mir ein Vögelein geflüstert - große Klasse sein soll.

Es gibt Opern, wie z.B. Rigoletto, die ich mir auch gerne ein zweites Mal ansehe. Aber diese Carmen hier mit Sicherheit nicht mehr. 

Es gab allerdings in den 70er und 80er Jahren verschiedene Aufführungen, bei denen ich damals vor Ärger auch die Türen hinter mir zugeschlagen habe und nicht nur ich.

Das Stück wurde umjubelt, aber mit Sicherheit nicht wegen der Inszenierung, sondern wegen der Qualität der Sänger, des Chors und des Staatsorchesters.

Mein Beitrag heute zum Samstagskaffee beim Andrea.

So hätte ich es mir gefallen lassen!
Wir haben das Stück nicht verstanden, jedenfalls gab es danach noch jegliche Menge Diskussionsbedarf.

Auf in den Krampf !





Link zur Oper und Bilder

Bilder: Teilweise Programm und von mir!

Kommentare

  1. Uuihuihuih.. das hört sich aber nach einem Reinfall an, liebe Eva! Schade drum. Weißt Du welcher Spruch mir beim Lesen dazu eingefallen ist: "Ist das Kunst, oder kann das weg?!". Hab' ein feines Wochenende! Liebste Grüße, Nicole

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    1. Ja Nicole,
      das stimmt schon, Kunst ist halt auch eine Auffassungssache.

      LG Eva

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  2. Da kann ich deinen Zorn voll und ganz verstehen, liebe Eva. Da freutman sich auf einen wunderschönen Opernabend ... und dann das. Ich in auch mit vielen modernen Inszenierungen nicht glücklich. Mein alter Deutschlehrer hätte mir darunter geschrieben: "Thema verfehlt - 6!"
    Ich wünsch dir umso mehr ein schönes Wochenende ... ich werd' nachher mit einer meiner Enkelinnen die Island-Ponys besuchen (heute ist ihr Reit-Tag dort) und freu mich total.
    Liebe Grüße, Christa

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    1. Super Christa,
      Reiten, bislang habe ich es immer noch nicht auf eine Pferd geschafft.
      Ich hoffe, Ihr habt Spaß.

      Lieben Gruß Eva

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  3. Oh graus...also das hätte ich auch nicht ausgehalten. Für mich muss Carmen eine feurige Ausstrahlung haben und im Schwarz-Roten Kleid erscheinen. Nur das passt zu den Flamenco-Klängen von Bizet. Das Video tue ich mir erstmal nicht an, um nicht schlechte Laune zu bekommen...später.
    LG und ein sonniges Wochenende,
    Sigrun

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    1. Das Video ist eine richtig gute Fassung der Carmen, nichts so modern.
      So geht es nämlich auch.

      Lieben Gruß Eva

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  4. Arme Eva,
    ich kann deine Entäuschung soooo gut verstehen! Da freut man sich auf einen schönen Abend und dann sowas!
    Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wen man mit solchen Inzenierungen ansprechen will? Ich stelle mir gerade die Frage, ob das was mit *KUNST* zu tun hat. Da schüttle ich auch oftmals den Kopf (z.B. wenn ne Nackte farbgefüllte Eier aus ihrem Hintern presst, diese aufschlagen aufs Papier) und Das dann als Kunst betiteln.
    Ich hoffe du hast bei deinem nächtsen Opernabend mehr freude!
    Liebe Grüße zu dir schicke,
    Britta

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    1. Das mit den Eiern ist aber auch gewöhnungsbedürftig.

      Oh liebe Zeit.

      Lieben Gruß Eva

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  5. Ich war noch nie in einer Oper. Kann da vielleicht nicht so mitreden. Aber wenn, müsste es ein Klassiker sein, der auch klassisch inszeniert ist. Während des Lesens musste ich allerdings schmunzeln. Wenn man es von der humorvollen Seite ansehen kann, find ich das toll. Ist halt einfach schade fürs Geld, wenn es nicht den Erwartungen entspricht.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.

    lg Gabriele ☼

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    1. Liebe Gabriele,
      eine Oper anzuschauen und dabei noch in den Orchestergraben zu schauen, ist eine ganz feine Sache.
      Nicht nur die Oper, sondern das ganze Drumherum ist einfach ein Erlebnis. Ich habe grundsätzlich nichts gegen moderne Bühnenbilder. Warum denn auch nicht, man muß es nur verstehen und bislang konnte ich das immer und viele Regisseure denken sich auch etwas dabei. Das ist manchmal ganz genial. Nur hier war es halt so, dass Sebastian Nübling das einfach nicht drauf hat und deshalb das auch seine einzige Regie einer Oper war.
      Dass da auch mal Enttäuschungen sind, ist klar. Im ganzen hatte ich bislang immer schöne Opern und ja, wenn man sieht, was die Plätze in der ersten Reihe kosten, ja, da muß ich dieses Mal schon sagen, schade für das Geld. Aber der Blick in den Orchestergraben, bei dem man die Musiker spielen sieht und du wirst es nicht glauben, manche kennt man schon, das ist schon Erlebnis. Ich habe jetzt noch das Ballett und Hoffmanns Erzählungen beides in der 1. Reihe und dann wird wohl eine Pause kommen. Denn soviel gibt es nicht mehr, was ich nicht gesehen habe. Ich muß mich dann mal um das Schauspiel kümmern. Ganz verzichten möchte ich auf meine Opernabende aber nicht, denn das Live zu erleben ist schon was ganz tolles und auch das Publikum ist auch toll.

      Lieben Gruß Eva

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  6. Oh man! Ich finde es inzwischen grausam, was die aus den wunderschönen Opern machen. Vielleicht sollten die sich einfach mal hinsetzen und eine Pässe neue Oper schreiben wo sie auf der Bühne machen können, was sie wollen. Gelockt durch die bekannte schöne Musik sitzt man dann völlig entsetzt oder gelangweilt herum. Hat eine Menge Geld für ein elendes Stück bezahlt. Komischerweise werden diese abartigen Stücke auch noch hoch gelobt.
    Schön, wenn dann wenigstens die Vortragenden durch ihre Stimmen beeindrucken konnten.
    So mag ich nicht in die Oper gehen.
    Sei lieb gegrüßt,
    Andrea

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    1. Andrea,
      du hast schon recht. Aber es war bis jetzt das einzige Stück, das mir nicht gefallen hat.
      Das kommt schon mal vor, wenn man aber bedenkt, was so ein Platz in der 1. Reihe kostet,
      dann tut einem schon das Geld weh.
      Aber, das nächste Mal wird es besser, eigentlich hätte ich ja wissen müssen, was auf mich
      zukommt. Aber das Theater war proppervoll. Ist immer, da ist ganz selten ein Platz frei.

      Lieben Gruß und dankeschön.

      Eva

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  7. Oh je! :-) liebe Grüsse von mir

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  8. Oh Mann, wie ich solche "(Möchtegern-) modernen" Inszenierungen hasse.
    Du Arme und dass noch mit solch einem genialen Sitzplatz.
    Liebe Grüße
    Jutta

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  9. Ich kann modernen Inszenierungen auch nichts abgewinnen. Der Komponist hat es zu seiner Zeit mit seinem Text und seiner Vision geschrieben - so möchte man es doch auch sehen.... zumindest ich. Dann fühlt man sich zurück versetzt und nicht geschockt.
    Liebe grüße
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  10. Hallo Eva, hört sich ja nicht so toll an (ich kann solchen "neu aufgemotzten" Stücken auch nichts abgewinnen), aber ich musste doch schmunzeln bei einigen Beschreibungen von Dir.
    Unsere Tochter war vor kurzem im kleinen Prinzen (ein Abi-Thema ihrer Schule) und sie war ganz empört, als sie nach Hause kam, weil der Prinz so fürchterlich gestorben ist, das viele kleine Kinder (Nachmittagsvorstellung) angefangen haben zu weinen.
    Sie konnte gar nicht verstehen, warum das so sein musste, schließlicht "geht er ja wieder nach Hause" und fällt nicht einen minutenlangen Todeskampf.
    Auch so etwas wo sich die Regisseure vielleicht doch lieber an das Original halten sollten.
    Liebe Grüße
    Kirsi

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