Auf eine Christrose (Heleborus)!

Erst mal wir haben es geschafft
Deutschland ist Europameister im Handball. 

Der Beitrag geht auch zu Gabriele

Auch gestern ist mir wieder mein Lieblingsdichter Eduard Mörike über den Weg gelaufen. Im Leudelsbachtal blühen Christrosen wunderschön und in einer Pracht, dass es kaum zu fassen ist.





Gleichzeitig mit einer Geschichte, wie dieses Gedicht entstanden ist. Das Gedicht von Mörike folgt im Anschluß.


Mörike war Pfarrer in Cleversulzbach und in diesem Ort habe ich auf dem Bauernhof meiner Großmutter Jahre in Folge die Ferien verbracht. Mörike kenne ich seit meiner Kindheit und immer und immer wieder begegne ich ihm.

Es ist viel zu lesen, aber ich möchte zu meinen Bilder auch eine Geschichte erzählen. Wer es nicht lesen möchte, muß ja nicht. Der schaut dann hoffentlich auch die Bilder an. 


Cleversulzbach, den 29. Oktober 1841, 3 Uhr

Der Brief ging an den Freund von Mörike Wilhelm Hartlaub.

Nach eben vollbrachter großer Tour
Mein Liebster!
Gestern ging ich mit Klärchen nach Neuenstadt, um den Notar zu sprechen.
Nachher, weil so gelinde Sonne war, benutzten wir die Zeit, den dortigen Kirchhof zu besuchen, wo eben Wäsche zum trocknen aufgehangen, jedoch anfangs niemand zugegegen war. 
Auf einem anderen, mir gleichfalls bekannten Grabe aber fand ich mit großer Überraschung etwas Lebendiges, frisch Blühendes, wonach ich viele Jahre vergeblich getrachtet hatte. Eine mir völlig neue Blume mit fünf ganz aufgeschlagenen, ziemlich breiten Blättern, an Weiße und Derbheit wie die Lilie; an den Enden herum lichtgrün angehaucht und fast ebenso, nur etwas satter grün, im Kelche unten. In dessen Mitte bildeten die blaßgelben Befruchtungsteile einen ziemlich dicken Kegel, oben mit 4-5 kurzen Purpurfäden büschenartig geziert. Der runde, schmutzig-grüne, rotgesprenkelte Stengel nicht gar kurz, jedoch gekrümmt, so daß die Blume niedrig saß. Die Blätter gleichfalls schmutzig-grün. 




Die Pflanze hat einige Ähnlichkeit mit der Wasserrose. Ihr Duft ist äußerst fein, kaum bemerklich, aber angenehm. So reizend fremd sah sie mich an, sehnsuchterregend! Klärchen hatte sich kaum hinabgebückt, sie genau zu betrachten, so sagte sie auch schon: Die Christblume ist es. Ich war entzückt und glaubte es ihr auf der Stelle, wiewohl es eigentlich geraten war. Ohne sie näher anzusehen – als wenn ich sie fürchtete, sie nicht zu eigen zu bekommen, - verriet ich mein unruhiges Verlangen dem Klärchen dennoch unwillkürlich, welche den holden Raub auch ungesäumt glücklich für mich vollbrachte, es ging sogar noch eine geschlossene Knospe mit. Zu Haus, um mich vollkommen zu überzeugen, las ich in meinem alten, lieben und schmackhaften Gartenbüchlein von Pastor Müllern S. 116: „Elleborus, Nießwurz, ist weiß und grün, wird unter die Blumen gesetzt, wegen ihres sehr frühen Flors (schön, daß es frühen heißt, nicht späten, so duftet sie schon wie von dem anderen Jahr herüber, was einer so mystischen Blume zuzutrauen ist), welche sich zeiget, gleich im November, Dezember und Jenner, dahero sie auch Christblume genennet wird, wie man dann viel darauf hält, so sie schön um Weihnachten florieren, soll ein gutes Jahr bedeuten, wird von der Wurzelteilung propagiert, mag im Lande gelassen oder aus Fürwitz wegen der frühen Flor in Keller gesetzt werden, sonsten kann sie die größte Kälte erdulden (dies ist der besonders schöne Zug an ihr!). 
 
Hat gern sandigen Grund und liebet sehr den Schatten und wintrichte Stelle, kommt deswegen an warm- und sonnichten Orten gar nicht fort, sondern verdirbt gemeiniglich. Die weiße ist die schönste und die rarste, so eine ansehnliche Blume präsentiert, und wenn sie abgebrochen ins Wasser gestellt wird, in der Stube gleich verdirbt, in der Kälte aber etliche Tage sich halten läßt.“ Auf Müllers letztere Anmerkung stellte ich sie im Glase, worein sie schon gebracht, alsobald vors Fenster, und zwar in den schönsten Mondenschein, in dem es ihr besonders wohl und leicht zu atmen schien. Sie freute mich unbeschreiblich, und schon dachte ich daran, meine Empfindungen bei guter Zeit in einigen Strophen auszudrücken – kann wohl auch noch geschehen -, doch unrecht Gut soll nicht gedeihen. Heute vormittag, nachdem ich sie den Morgen noch begrüßt, warf sie der Wind unvermerkterweise aus dem Glas auf die Straße und war nicht mehr zu finden. (Wenn sie jetzt wieder auf dem Grabe stünde! In der Tat gedenke ich ihrer jetzt nur wie eines lieblichen Geistes.)







Das Gedicht wurde 1888 von Hugo Wolf (1860-1903) neben anderen Mörike Gedichten vertont. 
Mir gefällt es sehr gut. 




Auf eine Christblume

Tochter des Walds, du Lilienverwandte,
So lang von mir gesuchte, unbekannte,
Im fremden Kirchhof, öd und winterlich,
Zum erstenmal, o schöne, find ich dich!

Von welcher Hand gepflegt du hier erblühtest,
Ich weiß es nicht, noch wessen Grab du hütest;
Ist es ein Jüngling, so geschah ihm Heil,
Ists eine Jungfrau, lieblich fiel ihr Teil.

Im nächtgen Hain, von Schneelicht überbreitet,
Wo fromm das Reh an dir vorüberweidet,
Bei der Kapelle, am kristallnen Teich,
Dort sucht ich deiner Heimat Zauberreich.

Schön bist du, Kind des Mondes, nicht der Sonne;
Dir wäre tödlich andrer Blumen Wonne,
Dich nährt, den keuschen Leib voll Reif und Duft,
Himmlischer Kälte balsamsüsse Luft.

In deines Busens goldner Fülle gründet
Ein Wohlgeruch, der sich nur kaum verkündet;
So duftete, berührt von Engelshand,
Der benedeiten Mutter Brautgewand.

Dich würden, mahnend an das heilge Leiden,
Fünf Purpurtropfen schön und einzig kleiden:
Doch kindlich zierst du, um die Weihnachtszeit,
Lichtgrün mit einem Hauch dein weißes Kleid.

Der Elfe, der in mitternächtger Stunde
Zum Tanze geht im lichterhellen Grunde,
Vor deiner mystischen Glorie steht er scheu
Neugierig still von fern und huscht vorbei.

Im Winterboden schläft, ein Blumenkeim,
Der Schmetterling, der einst um Busch und Hügel
In Frühlingsnächten wiegt den samtnen Flügel;
Nie soll er kosten deinen Honigseim.

Wer aber weiß, ob nicht sein zarter Geist,
Wenn jede Zier des Sommers hingesunken,
Dereinst, von deinem leisen Dufte trunken,
Mir unsichtbar, dich blühende umkreist?

















Kommentare

  1. Guten Morgen liebe Eva
    Wild blühende Christrosen, oh wie schön. Bei uns blühen sie nur in Gärten. Habe das letzte Mal Mörike in der Schulzeit gelesen - also in der Steinzeit. Muss ich mir unbedingt wieder mal zu Gemüte führen.
    Klasse deine Bilder.
    Liebe Grüsse
    Barbara

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  2. Liebe Eva-Maria,
    Was für ein schöner Post, mit dem Du uns heute verwöhnst. Ich habe ihn genossen. Die Christblume ist mir auch sehr ans Herz gewachsen und vor einem unserer Wohnzimmerfenster erfreuen sie uns jeden Winter mit ihren zarten Blüten.
    Herzlichst,
    Claudine

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  3. Christrosen mag ich auch gerne (und auch Mörike).
    Und jedes Jahr bekommt meine Mutter eine von mir zu Beginn der Adventszeit geschenkt.
    Liebe Grüße
    Jutta

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  4. Wunderbare Aufnahmen! Wildblühende Christrosen...ein Traum!
    Das Gedicht, sowie der Brief - hach - das passt!
    Vielen herzlichen Dank für diesen wunderbaren Beitrag!
    Hab eine schöne Woche und liebe Grüße
    Gabi
    http://stich-schlinge.de
    http://einenblick.wordpress.com

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  5. Liebe Eva,
    soo schön, ich bin noch ganz in einer anderen Welt.....
    Herrlich waren deine Zeilen zu lesen, toll.
    Die Geschichte zu den Christrosen ist ja wunderschön, samt dazugehörigen Brief. Mich begeistern solche Bezüge immer unheimlich. Ich wandle gern auf den Spuren derartig toller Menschen.
    Vielen Dank für den schönen Bericht und die tollen Bilder.
    Ich wünsche dir eine gute Zeit.
    Liebe Grüße
    Kerstin

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  6. Liebe Eva,
    Deine Christrosen Makros sind einfach wunderschön, sie zeigen die ganze Zartheit und Kraft, die herrlichen Details dieses echten Frühblühers. Der Brief von Mörike ist für uns heute sehr spannend zu lesen. Wie sorgsam und fürsorglich man früher die Worte setzte, sehr angenehme und wohltuend.
    Liebe Montagsgrüße
    moni

    http://www.reflexionblog.de

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  7. Liebe Eva, mal wieder ein wunderbarer Post von dir. Ich habe noch nie wildblühende Christrosen gesehen ... wen wundert's - bei uns sind die Böden alle sauer :-(.
    Liebe Grüße, Christa

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  8. Hallo liebe Eva,
    meist habe ich keine Zeit, lange Texte zu lesen, aber hier bei Dir bin ich dran geblieben. So schön ist der Brief von Mörike an seinen Freund und so bezaubernd sein Erstaunen über diese Blume. Herrlich, auch das Gedicht.
    Deine Fotos sind allesamt sehr sehr schön und unterstreichen das Geschriebene.
    Viele liebe Grüße, Synnöve

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  9. Schöne Makros und Gedicht.

    Lg Anett

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  10. Wunderschön und das Gedicht kannte ich nicht und wird sofort in meine "Blumensammlung" aufgenommen. Dir eine schöne Woche, Anna.

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  11. Ich glaube, im Leudelsbachtal würde es mir auch gefallen, deines tollen neuen Motives wegen und natürlich auch, weil dort unter anderem mystische Blumen gedeihen...
    LG Heidi

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  12. Wunderschön! Ich liebe Christrosen!
    ♥lich Claudia

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  13. wie schön - meine blüten hat der schnee begraben :(
    liebe grüße
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  14. Exquisite blossoms and a beautiful poem.

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  15. Liebe Eva
    Dass wir beide die Christrose als Thema haben diese Woche ist ein schöner Zufall. Ein wunderschöner Post. Für mich ist Mörike neu, was ich hier gelesen habe gefällt mir. Da hat er sich schwer in die Christrose verliebt. Deine Bilder sind dir super gelungen.
    lg Gabriele ☼

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