Susanna Margaretha Brandt (1771/72)

Gretchen ist die Traumfrau überhaupt. Faust will sie unbedingt haben. Er verpfuscht alles, weil er glaubt die Verführungsszene ohne Hilfe des Teufels nicht überstehen zu können.

Bild:
Gretchen auf dem Weg in den Kerker. Gemälde 1872/73
von August von Kreling (1818-1876). 

 Das zu starke Betäubungsmittel bringt Gretchens Mutter um, ihr Bruder stirbt im Duell mit Faust und am Ende tötet Gretchen aus lauter Verzweiflung das gemeinsame Kind und landet im Kerker.

Nur dieser letzte Part stimmt mit der Wirklichkeit überein.
Wenige Monate bevor Goethe den ersten Entwurf der Faust-Tragödie zu Papier brachte, war in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main die Frau, die ihn zur Figur des Gretchen inspirierte, wegen Kindsmord hingerichtet worden.

Gretchen hieß eigentlich Susanna Margaretha Brandt. Wann sie genau geboren wurde, ist nicht bekannt. Auch über ihr Leben weiß man wenig. Sie war das letzte von fünf Kindern eines einfachen Soldaten. Zum Zeitpunkt ihrer Festnahme war sie Vollwaise. 

Ab 1770 arbeitete sie als Dienstmagd in einem Gasthaus in Frankfurt am Main, wo im selben Jahr ein Holländer sie während seines kurzen Aufenthaltes betrunken machte und verführte. Als er abreiste ließ er Susanna schwanger zurück. 

Sie hielt ihre Schwangerschaft geheim und leugnete sie auch dann noch, als ihre Schwestern sie zur Rede stellten. 

Obwohl eine ärztliche Untersuchung keine Bestätigung der Schwangerschaft erbrachte, kündigte ihr die Gastwirtin Anfang August 1771. 
Am nächsten Tag entdeckte die Gastwirtin in einem abgelegenenTeil des Hauses eine Blutlache. Sie ahnte, was vorgefallen war und benachrichtige Susannas Schwester. 
Von dieser befragt, gestand Susanna, dass sie das Kind wohl umgebracht habe.  

Zwei Tag später fand die Polizei in der Waschküche des Gasthauses  die Leiche eines Neugeborenen. 

Der Prozess gegen Susanna fand wie in solchen Fällen üblich, unter Ausschluß der Öffentlicheit statt. Susanna gestand zwar, das Kind getötet zu haben, verwickelte sich aber auch in Widersprüche. Die plötzliche Geburt hat Susanna offensichtlich so verwirrt, dass sie nicht wußte, was ihr geschah. Die Richter interessierte das wenig. Sie leiteten den Fall an die Syndiker - ein Juristen-Gremium - weiter. Sie hatten Susanna nicht einmal zu Gesicht bekommen und für die ohne jegliche Befragung, das Urteil feststand. 
Erst jetzt fand man es nötig, einen Anwalt für Susanna zu bestellen. Seine Einwände, dass das Kind kaum lebensfähig war, dass Susanna vergewaltigt wurde und der Hinweis auf den sozialen Hintergrund, all das interessierte nicht mehr. 

Nach diesem monatelangen Prozess, bei dem der junge Goethe (er hatte sein Studium der Rechte zu dieser Zeit gerade abgeschlossen und arbeitet 1771 bis 1772 in seiner Vaterstadt) als Zeuge den Prozess miterlebte, wurde Susanna des Kindsmordes für schuldig befunden und auf der Grundlage der Constitutio Criminalis Carolina, der 1532 von Kaiser Karl V. eingeführten Prozessordnung zum Tode durch das Schwert verurteilt. 

Artikel 131 der Carolina sah vor, bei Kindsmord die Täterin lebendig zu begraben, zu pfählen oder - wenn die Strafe milder sein sollte - zu ertränken. Enthauptung, wie in Susannas Fall das Urteil lautete, war eine weitere Mildungen. 
Der Tod durch das Schwert galt gegenüber dem Erhängen am Galgen als weniger ehrlos. Am Galgen starben Diebe und Straftäter niederer Stände. Susanna Margaretha Brandt wurde am 14. Janauar 1772 auf dem Platz an der Hauptwache öffentlich geköpft.

Susanna Margaretha Brandt war ein Opfer des Rechtssystems. Im 18. Jahrhundert galt Kindsmord als Verstoß gegen die "Göttliche Ordnung".
Fragen nach dem Motiv für die Tat ließ man dabei außer Acht. Das änderte sich erst im Zuge der Aufklärung. 
Fünfzig Jahre später wäre Susanna Brandt nicht mehr hingerichtet worden.

Dieser Vorfall beschäftigte aber auch noch zahlreiche andere Schriftsteller.

Friedrich Schiller schrieb das Gedicht
"Die Kindsmörderin".

Heinrich Leopold Wagner schrieb ein Trauerspiel
"Die Kindsmörderin"

Gottfried August Bürger, der als Justizamtmann 1781 selbst eine junge Frau vernehmen mußte, die ihr Neugeborenes getötet hatte, verfasste zu diesem Thema die Ballade:

"Des Pfarrers Tochter von Taubenheim".


Zu diesem Thema habe ich mir vor vielen Jahren dieses Büchlein besorgt. Es enthält ausschließlich die Prozessakten und den Verlauf der Verhandlung und natürlich auch wie Goethe den Prozess erlebte


Mit  Urteilsverkündigung vom 28. August 1998 des Gerichts Frankfurt am Main wurde der Haftbefehl gegen
Susanna Margaretha Brandt vom 3. August 1771 aufgehoben. Das Todesurteil für ungültig erklärt und eine Bewährungszeit auf zwei Jahre festgesetzt.

Das Urteil ist am Ende des Büchleins abgedruckt.

Die Prozessakten - über 300 alte Gerichtsprotokolle, ärztliche und juristische Gutachten, die Verteidigungsschrift und das Urteil, sowie ein ausführlicher Hinrichtungsbericht - sind bis heute erhalten und im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte archiviert. Als Beitrag zum Goethejahr 1999 veröffentliche das Institut eine vollständige, kommentierte Edition der Akten unter dem Titel:


Das Frankfurter Gretchen.

Der Prozess gegen die Kindsmörderin 

Susanna Margaretha Brandt 
machte sie damit erstmals einem breiten Publikum 

zugänglich.

Lesenswert:

Rebekka Habermas
"Das Frankfurter Gretchen"
Der Prozess gegen die Kindsmörderin 
Susanna Margaretha Brandt, München 1999

Siegfried Birkner:
Goethes Gretchen, Frankfurt/Main 1999

Johann Wolfgang von Goethe
Faust eine Tragödie, München 1997

Sehenswert auf jeden Fall:
Faust
Regie: Peter Gorski;
mit Gustav Gründgens, Will Quadflieg, Ella Büchi, BRD 1960

Sowie auf jeden Fall das Buch
"Mephisto" von Klaus Mann.



Hierzu möchte ich nichts schreiben, wer es kennt, weiß was ich meine. Ansonsten kann man hier 

https://de.wikipedia.org/wiki/Mephisto-Entscheidung 

fündig werden. Wie auch immer Gustav Gründgens war ein 
begnadeter Schauspieler und Regisseur.



Der Film mit Gustav Gründgens ist heute noch ein Renner, ich habe ihn als DVD.



Und als Oper von Gounod "Faust"



Sowie eine meiner Lieblingsopern von Arrigo Boito, dem langjährigen Librettisten von Guiseppe Verdi
Mephistofele

Ich habe diese Oper mal in Zürich gesehen mit dem großen Ruggero Raimondi. Aber mit
Samuel Ramey ist sie mindestens genauso gut besetzt.

Ich bin der Geist der stets verneint
Son lo spirito!


Mephisto versucht durch das Pfeifen Faust "gefügig" zu machen.


Von Zeit zu Zeit werde ich immer wieder von Frauen und Männern berichten, die durch solche Prozesse, ohne überhaupt den Hintergrund zu beachten, hingerichtet wurden.

Kommentare

  1. Das war damals eine grausame und ungerechte Zeit.
    Gut, dass es heute anders ist und man sich damit nicht mehr beschäftigen muß.
    LG - Heike

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  2. Stimme dem zu,früher wurde man übelst bestraft,Dieben die Hand ab und so,oder man landete aufm Scheiterhaufen.Manchmal würde es auch heute noch angebracht sein,etwas so hart zu bestrafen,zur Abschreckung.Aber genug damit.Lg Elke

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    1. Liebe Elke,
      ich bin kein Anhänger der Todesstrafe und auch Strafen zur Abschreckung sind nicht das was ich möchte.
      Abschreckung hat die Leute früher auch nicht davon abgehalten, Straftaten zu begehen.

      Dankeschön, dass du geschrieben hast, das ist ein heißes Eisen, auf das Wenige eingehen möchten und werden.

      Lieben Gruß Eva

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    2. Erschütternd, der Hintergrund von Goethes "Faust", nur sicher kein Einzelfall.
      Ich möchte nicht wissen, wie viele unentdeckte Kindermorde es gegeben hat.
      Und viele Mädchen haben sich früher umgebracht, um der Schande zu entgehen. Sehr traurig, Hanni

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  3. Das war schon eine grausame Zeit.
    Aber auch heute, werden die Opfer mehr bestraft als die Täter. Leider...
    Eine schönen Artikel hast du gepostet!

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  4. Nachtrag zu meinem Kommentar: Den Film mit Gründgens kenne ich aus meiner frühen Jugend, war auch damals schon begeistert und würde ihn heute gerne nochmal, aus einer ganz anderen Sicht, sehen. LG Hanni

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