Herbstspaziergang auf dem Mörike Pfad in Cleversulzbach

Wie ich schon oft erzählt habe, bin ich in Cleversulzbach bei meiner Großmutter aufgewachsen.



In den Ferien durfte/mußte ich immer nach "Cleverich" um die sechs Wochen bei meiner Großmutter zu verbringen. Das ging von 1954 bis 1960. 
Mein Eltern fuhren in Folge jedes Jahr auch später noch zur Kur nach Bad Ischl.

Bild: Das Haus meiner Großeltern. Die Fensterläden sind noch Original nur die Fenster nicht, die passen aber auch nicht dazu. Die Haustüre ist restauriert und auch noch das Original. 

Im ersten Stock war die gute Stube und der Schreibtisch meines Großvaters. Dann kam das Schlafzimmer. Unten waren die Wohnräume. Ich weiß das noch so genau.

Hier oben war das Schlafzimmer. An der Wand am mittleren Fenster stand mein Bett. Hier habe ich mich vor Heimweh nach meinen Eltern nachts  in den Schlaf geweint. 







Sommer 1958/59 ? vor genau diesem Haus


Ich ging nicht immer gerne hin, denn ich verstand mich so recht nicht mit meiner Großmutter. Mit von der Partie war immer meine Schwester Iris, die sechs Jahre älter ist als ich. 
Die anderen Geschwister waren schon so alt, dass sie sich in der Wohnung in Stuttgart selbst versorgen konnten, während meine Eltern in Urlaub bzw. zur Kur fuhren. 

Das Rathaus von Cleversulzbach mit der alten handbetrieben Sirene. Da mußte man immer erst hinaufsteigen und an der Kurbel drehen, wenn es Alarm gab. Heute ist natürlich eine moderne Sirene angebracht, aber die alte Sirene gibt es immer noch. Das Rathaus war die Wirkungsstätte meines Großvaters, der eines Tages Besuch von meinem Vater bekam, der ebenfalls Bürgermeister einer Gemeinde in der Nähe war und die Tochter des Hauses kennen und lieben lernte. 
Meinen Großvater habe ich nie kennengelernt, er starb ja wie oben erwähnt 1947 und ich wurde erst 1949 geboren. 


Hier unten in der Nische, war die Haltestelle des Postbusses und des Omnibusunternehmens Schäfer und Nies. Hier sind wir immer nach Neuenstadt (wenn wir mal nicht gelaufen sind) gefahren oder nach Heilbronn um dort einzukaufen oder aber mit dem Dampfzug nach Stuttgart zu fahren. Das war toll! Ja, laufen mußte ich immer bei Oma!!! Allerdings auch bei meinen Eltern. Woher ich das wohl habe?

Viel hab ich gesehen, viel gelernt in dieser Zeit. Ich habe Hühner gefüttert, ich habe auf dem Feld gearbeitet, ich weiß was eine Weinlese ist (damals waren das noch andere Weinberge als heute, Rebflurbereinigung kannte man damals nicht) kann ermessen, was ich da so gemacht habe. Ich kann heute nicht verstehen, dass man sowas freiwillig macht.
Ich habe im Garten gearbeitet und ich bin hoch oben auf dem Heuwagen gelegen, wenn das Getreide, bzw. das Heu nach Hause gefahren wurde. Das wäre heute nicht  mehr möglich, das wäre viel zu gefährlich und noch heute wundert es mich, dass das alles doch richtig gut gehalten hat und nichts passiert ist. Es hat mich geprägt, ich mag keine Gartenarbeit.

Den ersten neuen Traktor, den der Bauer nebenan gekauft hatte, einen Hanomag Henschel oder einen Fendt, das war immer so interessant. Ach ja, ich weiß das noch wie heute. Soviel Erinnerungen. Ich habe mit Oma im Backhäusle gebacken, habe am Brunnen im Dorf frisches gutes Wasser geholt. So ungerne ich damals nach Cleversulzbach ging, so zieht es mich heute immer wieder hin. 
Das liegt nicht nur an dem 1996 von der Stadt Neuenstadt am Kocher eingerichteten Mörike-Pfad (mit Mörike bin ich aufgewachsen) sondern auch an den vielen Erinnerungen und auch, dass auf dem Friedhof meine Großeltern und meine Eltern und mein 1946 verstorbener Bruder begraben sind. Ganz in der Nähe des Grabes der Dichtermütter Schiller und Mörike sind sie begraben.

Auf den Stufen zum Grab der Dichtermütter stand ich schon als Kind. Da gibt es Fotos, nur wo sind sie?




Das Grab meines Großvaters (1872-1947 und meiner Großmutter 1887-1966) ist bereits aufgelöst und das meiner Eltern und meines Bruder befindet sich gerade auch in der Auflösung. Mein Großvater war in den 20er und 30er Jahren bis 1947 Bürgermeister von Cleversulzbach und ist im dortigen Heimatbuch auch erwähnt und es befindet sich im Buch auch ein Bild von ihm. 


Trotzdem werde ich auch nach der Auflösung des Grabes dieses wunderbare Stückchen Erde immer wieder besuchen, weil es nicht nur traurige sondern auch sehr schöne Erinnerungen sind, die ich mit Cleversulzbach verbinde.

Auf dem neuen Wohnhaus ist das alte Haus der "Korbs" gezeichnet, das war ein Einkaufsladen der alten Art. Meine Oma und ich sind dort immer einkaufen gegangen und haben Schokoladen- und Vanillepudding gekauft und noch so viele andere Sachen mehr. Warum man das alte Haus abgerissen hat und durch den scheußlichen Bau ersetzt hat, weiß ich leider nicht mehr. 



Der Herbstspaziergang führte mich dieses Jahr wieder einmal auf den Mörike Pfad. Mindestens  drei Mal im Jahr gehe ich diesen Weg und immer wieder ist er anders. Diesen Weg gehe ich aber IMMER alleine. Denn nur so kann ich meinen Erinnerungen freien Lauf lassen, würde ich immer wieder stehen bleiben und erzählen, das wäre für meine Mitwanderer doch ziemlich anstrengend. Auch heule ich an manchen Stellen Rotz und Wasser. Manchmal überkommt es mich wirklich, so viele Erinnerungen. 

Auf so einem Fahrrad habe ich bei Oma das Radeln gelernt. Es gehörte dem Nachbarsjungen, der hat es mir beigebracht.
Nein, das ist es nicht!


Mörike verbrachte als Pfarrer seine glücklichsten Jahre in Cleversulzbach. Dort im Garten des  Pfarrhauses


hat er den alten Turmhahn, der von der Kirchturmspitze abgebrochen war, gefunden und hat das 


geschrieben, das konnte Oma auswendig. Dort in der Kirche






hat Mörike gepredigt, dort wurden meine Eltern getraut und dort durfte ich 1959 einem Orgelkonzert lauschen, das der große Albert Schweitzer gab. Er verfasste ja von 1905 bis 1908 eine umfangreiche Arbeit über Bach, die vom renomierten Verlag Breitkopf & Härtel in Leipzig verlegt wurde. Mich interessierte das nicht, aber Oma wollte hin und sie hatte keine Bleibe für mich, also mußte ich mit. Heute wäre es mir nicht mehr langweilig. :-))

Hochzeit meiner Eltern 1928 in Cleversulzbach. Das Foto wurde am Nachbarhaus aufgenommen, das auch heute noch in der Brettacher Straße steht. Das gehörte den Webers, die
man oben auf dem Foto sieht (3. Reihe 2. und 3. von links).
Dort war ich sehr viel zu Besuch, da gab es auch immer etwas Gutes zu essen und die hatten so schöne Schweine.



In der Mitte auf dem oberen Bild neben der Kirche sieht man das Mörike-Museum. Es ist das alte Schulhaus, das bis ca. 1971 als Schule genutzt wurde und in dem schon meine Mutter und meine große Schwester zur Schule gegangen sind. 

Weinlese ca. 1920 im Weinberg, das Mäulere und den Weinberg gibt es immer noch. Meine Mutter als junges Mädchen links auf dem Stein sitzend. 


Eingang zum Mörike-Museum




Nun wieder zum Mörike-Pfad. 
Hier ist die Quelle 


In seinen Briefen und Gedichten hat Mörike viele Erlebnisse, Eindrücke und Örtlichkeiten aus der Cleversulzbacher Zeit einfühlsam beschrieben. Davon wurden einige markante Stellen ausgewählt und als Anlaufpunkte für eine Wanderung auf Mörikes Spuren in Cleversulzbach zusammengestellt.
Es sind zehn Stellen innerorts und fünf weitere außerhalb des Ortskerns. Sie sind durch Tafeln oder Stelen gekennzeichnet, auf denen hierzu passende Mörike-Zitate festgehalten sind.

Quellenende
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Der Mörike-Pfad beginnt am Friedhof und führt über wunderschöne Wege hinauf








und hinunter in den Wald und oben ganz hinauf Eichenportal auf dem Sulzrain.





Ich muß gestehen, ich weiß gar nicht wie lang der Weg  ist, schätze mal so 8 Kilometer. Es ist ein wunderbarer Weg, der zu jeder Jahreszeit interessant und schön ist. Führt durch Weinberge, durch den Wald und ist so wunderbar. Zwischendrin immer wieder die Stelen an besonders schönen Ausblicken mit Zitaten von Mörike und vieles wird auch aus seinen Briefen an Wilhelm Hartlaub, seinen Freund zitiert. 










Auch hier Quitten im Überfluß, ich kann keine mehr sehen :-))




















Hier am Sulzbach habe ich immer am Wehr gespielt und mit meiner Freundin der Anita (sie lebt nicht mehr) "Fangerles" gespielt. 
Auch hier ist alles noch wie früher.  Gut, es wurde in Cleversulzbach viel gebaut. Aber die alten Sachen sind immer noch da.




Meine Großmutter verkaufte ihr Anwesen im Jahr 1961 und zog zu unserer Familie. Für sie eher ein Martyrium, denn sie verstand sich genausowenig mit meinem Vater.

Schade Oma, du konntest so viel, es waren zwei verschiedene Welten, die hier aufeinandertrafen. Ich war ein Kind, das spielen konnte und wollte. Das konntest du nicht verstehen, weil du immer gearbeitet hast und auch als Kind arbeiten mußtest. Dafür konnte ich aber nie etwas.

Schütze und Stier, das knallte und wie!

Meine Oma Silvester 1960, da war sie 73 Jahre alt. 


Oma, auf ihren Namen Amalie Caroline war sie immer so stolz.Ich hoffe, ich habe Euch nicht gelangweilt.










Kommentare

  1. Ohhh, da hast du aber eine lange Runde gedreht und dir so viel Mühe gemacht. Super!
    LG, Petra

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  2. Hallo Eva sehr tolle Fotos.Ich geh auch oft dort hin wo ich aufgewachsen bin,ist halt mitten in der Stadt.Aber da ist immer so ein Gefühl im Magen,teils freudig,wehmütig alles durcheinander.Wünsche noch einen schönen Sonntag.LG Elke

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  3. Guten Morgen Eva,
    ein sehr schöner und wehmütiger Bericht ... und obwohl ich nur 11 Jahre jünger bin,
    ist unser Leben doch so verschieden verlaufen.
    LG - Heike

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  4. Oh, so viel interessantes. Und ein toller Spaziergang, auf den du uns da mitgenommen hast.
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    Jutta

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  5. Dein Herbstspaziergang dem Mörike Pfad entlang liest sich wie ein Seelenspaziergang.
    Ich kann verstehen, dass du den alleine gehen willst, da ist kein Platz für anderes.
    L G Pia

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  6. Gelangweilt??? Überhaupt nicht, liebe Eva,
    ganz lieben Dank für diesen herrlichen Weg durch Dein Leben, Deine Familie, Deine Natur...
    Ein ganz wunderbarer, herbstlicher Spaziergang (eigentlich eine Wanderung, gell) war das, nochmals Danke für's Mitnehmen!
    Liebe Sonntagsgrüße
    moni

    http://www.reflexionblog.de

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  7. So, das war jetzt ein kurzweiliger, schöner Sonntagsspaziergang - wird Zeit für eine "Einkehr" bei Kaffee und Kuchen ;-))
    Schönen Sonntag noch,
    Luis

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  8. Du arme Maus! Während es sich Deine Eltern haben gut gehen lassen, hast Du Dir jede Nacht die Augen ausgeheult. Na, Prost Mahlzeit!! Komm' ich trockne Dir im Nachhinein Deine Tränchen!! Der Spaziergang war wundervoll und den Duft der Quitten konnte ich bis hier hin riechen! Danke dafür! Herzliche Sonntagsgrüße, Nicole

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    1. Nicole das ist schon sooo lange her, aber es tut heute noch weh. Aber meine Eltern wollten sich eben erholen, da konnten sie die Kinder nicht mitnehmen.
      Ich kann mich aber über meine Eltern nicht beschweren, aber das hätte ich nie gemacht.
      Aber da gab es ja noch vieles mehr.

      Vorbei ist es nie, der Post ist auch so etwas wie Vergangenheitsbewältigung. Vielleicht war das früher auch anders als heute.

      Dankeschön an dich und natürlich auch an alles andern Blogger.

      LG Eva

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  9. Bei deinem Bericht werden sofort auch bei mir Kindheitserinnerungen wach, allerdings war ich sehr, sehr gern bei meinen Großeltern. Dein langer Spaziergang war sehr informativ, herzlichen Dank! LG Lotta.

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  10. Das war ein Spaziergang in Gegenwart und Vergangenheit. ..... Danke fürs mitnehmen. Es ist immer wieder schön alte Geschichten zu hören (auch wenn diese dann doch etwas traurig anmuten).
    Liebe Grüße
    Gusta

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